|
Verantwortlich für Planung und Bau der Gelsenkirchener Theater, suchte ich nach bildenden Künstlern für
deren Mitwirkung an der architektonischen Ausgestaltung. Beim Theaterbau in Münster war mir bereits die Beauftragung des Bildhauers Norbert Kricke gelungen, dessen Ausstellung in der Galerie Iris Clert in Paris wir
besuchten. Anita Ruhnau und ich entdeckten dort Ende März 1957 monochrome Bilder des unbekannten Malers Yves Klein. Er male nur eine Farbe, so erklärte Yves, unter anderem um sich von den figurativen, erzählenden Elementen der
Bilder seines Vaters und von den vielfarbigen Formexperimenten der Bilder seiner Mutter zu befreien – so komme er zur allein durch die Farbe wirkenden, monochromen, „unmalerischen“ Malerei! Für den Farbauftrag benutze er
Malerrollen oder Schwämme; die matte Ausstrahlung seiner Bilder werde durch ein neuartiges „Medium“ bewirkt, dessen Zusammensetzung sein Geheimnis sei. – Ich, bei der Planung des leeren Spielraums ohne Proszenium, Stützen und
Vielfarbigkeit, einer unarchitektonischen Architektur, fand das überzeugend! Ich sagte Yves Klein, dass die als Pinsel benutzten Schwämme auch einen eigenen skulpturalen Wert hätten, und lud ihn nach Gelsenkirchen ein, um
im Foyer die im Architekturmodell noch als Spiegelflächen dargestellten seitlichen Wände1 monochrom blau einzufärben: Die riesigen Flächen in der Farbe Blau sollten auch das Symbol für den Wetter geschützten, “klimatisierten” Teil des öffentlichen Raumes sein.
Anders als in der Georgs- und den Altstadtkirchen sollte die Theatergemeinde in der “ästhetischen Kirche” Teil des urbanen Geschehens werden. Blau war auch für mich, der ich als Segler auf der Ostsee groß geworden, das Symbol
für meteorologisch wie Sozial humanes Klima.
Anlässlich des ersten Baustellenbesuches im Juni 1957 mit seiner damaligen Verlobten Bernadette Allain
schlug ich Yves in der Theater-Bauhütte vor, zusätzlich zu den blauen Wandbildern, mittels der von ihm als Pinsel benutzten Schwämme die Stirnflächen meiner Foyers mit Schwammreliefs zu gestalten. Yves hatte im Mai bei Iris
Clert einen Schwamm als Skulptur präsentiert. - Seitdem entwickelten wir gemeinsam Schritt um Schritt den mittels Ziegeldrahtgewebe wellenartig geformten Untergrund der Seitenwände, auf den Gipsputz aufgebracht wurde, in dessen
noch weiche Masse wir, auf meine Anregung, Krater bildende kleine Steinchen2 schleuderten, die die Reliefierung bereichern.
An den Stirnwänden entwickelten wir die Klebetechnik, um die Schwämme und Schwammkombinationen unmittelbar auf deren Putzuntergrund zu befestigen und nicht, wie Yves wollte, diese als „Schwamm-Gobelins“, abnehmbar, vor
die Wand zu hängen3. Das von Yves nun als „ International Klein
Blue“ (IKB) bezeichnete “Medium” mit seinem Aceton und Alkoholbinder erwies sich schließlich beim Einfärben wegen dessen berauschender Wirkung für die Beteiligten als unbrauchbar; es war feuergefährlich und versank überdies
ohne Deckwirkung im Reliefuntergrund. Deswegen entwickelten Ernst Oberhoff und ich - mehr für als mit Yves - aus Gelsenwasser, Caparolbinder und einem (preiswerterem) deutschem Ultramarinpigment von BASF das „
Gelsenkirchener Blau“ 4. Mit dieser neu entwickelten Farbe wurden abschließend alle vier
Schwammreliefs an den Stirnwänden und die beiden Wandreliefs an den Seitenflächen vom Malermeister Graafmann mittels Spritzpistolen beschichtet 5.
Die in Erinnerung an meine Entdeckung, Förderung und Zusammenarbeit mit Yves Klein von mir ab 1973
hergestellten Werkstücke bestehen aus genau diesem Gipsputz mit Steincheneinwürfen auf Ziegeldrahtgewebe und sind beschichtet nicht, wie oftmals behauptet wird, mit dem (niemals patentierten6) „IKB“, sondern mit dem
„ Gelsenkirchener Blau“. - Meine Objektesind rückseitig versehen mit Untertiteln wie „Klimatisierung des Raumes“ - „Schule der Sensibilität, „Hommage à Yves Klein“ und von mir signiert. 1 vgl Katalog „Werner Ruhnau. Der Raum, der Spiel und die Künste“, 2007, S. 36-37 2 ebenda S. 49 und 236 3
ebenda S. 48 und 235 4 ebenda S. 49 und 236 . 5 ebenso S. 237 6 vgl. Volker Rattemeyer, S. 8 Mitte in “Wie das gelsenkirchener Blau aud Yves Kleinkam”, Museum Wiesbaden 2004 und “Yves Klein
in Gelsenkirchen”, Archiv Ruhnau 2005, Seite 19
|